Textversion


Mit Glanz und Glamour


10.10.2011 - KASTEL
von Norbert Fluhr

TRAVESTIE Im Lilien-Palais lässt ein Berliner Künstler die Aura der Schauspielerin Zarah Leander aufleben.

Sie ist seit 30 Jahren tot, doch ihre Evergreens verströmen auch heute noch einen Hauch der Nostalgie: Kann denn Liebe Sünde sein? Nur moralinsaure Gemüter scheinen sich bei dieser Frage zu entrüsten, die von der Schauspielerin Zarah Leander einst im lasziven Habitus in den Äther gehaucht wurde.

Wenn der Berliner Travestie-Künstler und Entertainer Frank Cochlovius als Femme fatale im Glamour-Outfit der legendären Zarah Leander auf der Bühne steht und mit der einzigartigen Kontra-Altstimme seines Idols sein Auditorium becirct, scheint die Aura der schwedischen Schauspielerin und Sängerin aufzuleben. Stehende Ovationen waren dem sympathischen Künstler bei seinem Doppelauftritt am Wochenende in der Kleinkunstbühne Lilien-Palais beschieden.Die Erinnerungen an die glamouröse Filmwelt der 1930er- und 1940er Jahre wurden gegenwärtig, als Frank Cochlovius in seine Kleider schlüpfte oder sich beim Wechseln des schillernden Outfits auch mal von einem netten Herrn helfen ließ.

Das Publikum wurde bei der zweistündigen Hommage an die Künstlerin mit einbezogen. Da lockerten frivole Bemerkungen die Stimmung auf, wenn sich die Blicke der Männerwelt auf das fokussierten, was der Schlitz im Kleid zum Sehen freigab. Cochlovius zeigte aber auch seine Qualität als Entertainer, indem er sein Publikum in die mondäne Welt der Neuzeit entführte.Mit viel Ironie wurden die Möchtegern-Damen der Society-Class in Sankt Moritz aufs Korn genommen, die mit aufgespritzten Lippen wie Maica-Würstchen im Schweizer Nobel-Kurort promenieren. Da blieb es nicht aus, dass die das Dekolleté stützenden Luftkissen der AOK vorzeitig ihre Funktionsfähigkeit verlieren. Ein Schelm, wer Arges dabei dachte.

Zu neuen Ufern schritt Cochlovius. Da werden Erinnerungen an den gleichnamigen Film wach. 1934 wurde der Zelluloidstreifen in den Babelsberger Filmstudios gedreht. Und so forderte der Travestiekünstler im Stil Leanders die Männerwelt beim inbrünstigen Lied Yes, Sir heraus. Aber nicht nur die Vertreter des starken Geschlechts lagen dem Interpreten an diesem unvergesslichen Abend zu Füßen, der wieder einen Zeitsprung in die Gegenwart wagte. Da bietet sich der jüngste Papst-Besuch zu Spott an. Der Heilige Vater verteufele das Gleichgeschlechtliche, wisse aber nicht, dass die vielen für ihn gefertigten schönen Kleider von Herren hergestellt würden, die ihres gleichen zugeneigt seien. Da hätten es Frauen mit Federboa und Strass-Perlen doch etwas einfacher.

Für sie gebe es auf Erden nicht nur den einen, wichtig sei nur, dass sie im Falle der Ablehnung von amourösen Avancen die Haltung bewahrt. Das wusste schon Zarah Leander, wenn sie ihre Geschlechtsgenossinnen warnte: Nur nicht aus Liebe weinen. Schließlich haben - das hatte schon Peter Kreuder in einem Musical Lady aus Paris erkannt - Frauen eine Vergangenheit.Über die legte sich allerdings der Schleier des Schweigens, den Zarah Leander aber in ihrem Gassenhauer etwas lüftet:


Der Wind hat mir ein Lied erzählt. Die Zeit-Revue näherte sich dem Ende, aber Cochlovius sagte seinem verzauberten Publikum nicht adieu, sondern Auf Wiedersehen im Nostalgie-verhangenen Lilien-Palais.